Mittwoch , 18 Oktober 2017
Gastbeitrag: Rohstoffmärkte nach dem Brexit – von Dr. Torsten Dennin (Gold, Silber, Deutsche Bank, GBP, Glencore, …)

Gastbeitrag: Rohstoffmärkte nach dem Brexit – von Dr. Torsten Dennin (Gold, Silber, Deutsche Bank, GBP, Glencore, …)

DenninGastbeitrag von Dr. Torsten Dennin, Tiberius Asset Management AG

 ¨ Umschwung an den Rohstoffmärkten nach fünf Jahren Baisse. Verbesserung der fundamentalen Rahmendaten lässt Preise trotz Brexit steigen. Besonders gesucht: Gold und Goldminen.

¨ Bloomberg Commodity Index seit Jahresanfang +11%, während deutsche Aktien 12% verlieren. 2016 sehen wir als Beginn einer mehrjährigen positiven Phase für Rohstoffe.

¨ Eine temporäre Schwäche aufgrund USD-Stärke und Gewinnmitnahmen zum Aufbau strategischer Positionen nutzen.

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Der überraschende Ausgang des Brexit-Referendums am 23. Juni 2016 führte weltweit zu massiven Verwerfungen an den Kapitalmärkten. Das britische Pfund stürzte auf ein 30-Jahrestief und weltweit kamen die Aktiennotierungen ins Rutschen. In Deutschland verzeichnete der DAX einen Kursrückgang von über 10% innerhalb nur eines Tages. Besonders hart erwischte es die Aktien des Finanzsektors: britische Banken wie Barclays und Lloyds brachen um mehr als 30% ein, aber auch ein Schwergewicht wie die Deutsche Bank gab über 20% nach. Anleger suchten die sicheren Häfen: die Rendite 10-jährige Bundesanleihen sank auf fast -0.20% pro Jahr, der Preis für eine Feinunze Gold sprang um über 100 US-Dollar in die Höhe (+8,6%). Auf der Währungsseite waren US-Dollar und Schweizer Franken gesucht.

Die Halbjahresbilanz für die weltweiten Aktienmärkte sieht trübe aus: Weltweit (MSCI World) und in den USA (S&P 500) war mit Aktien kein Geld zu verdienen, in Europa (STOXX 600) und Deutschland (DAX) fallen sogar zweistellige Verluste an.

Ganz anders das Bild an den Rohstoffmärkten. Nicht nur Edelmetalle wie Gold profitieren von der Brexit-Angst und einer Aussicht auf ewig niedrige Zinsen, sondern die Preise aller realen Assets wie Energieträger, Metalle und Agrargüter steigen. Die Gradmesser der Rohstoffmärkte, der Bloomberg Commodity Index (BCOM) und der S&P Goldman Sachs Commodity Index (GSCI) verteuern sich um 11% und 17% im ersten Halbjahr 2016. Rechnet man Gold und Silber aus dem Index heraus, so bleibt noch immer ein stattliches Plus von 9% im BCOM übrig.

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Anleger, die Anfang des Jahres auf Gold (+23%) und Goldminen (+100%) gesetzt haben, zählen zu den glücklichen Gewinnern.

In unserem Research Paper „Preiszyklen an den Rohstoffmärkten. Charakteristika einer Hausse.“ (April 2016) zeichnen wir ein positives Bild hinsichtlich der Rohstoffmarktentwicklung in den nächsten 2-3 Jahren. Die fundamentalen Rahmendaten vieler einzelner Rohstoffmärkte fangen an sich nach fünfjähriger Baisse zu verbessern, und wir sehen die Phase fallender Rohstoffpreise als beendet und den dritten Rohstoffzyklus (1999-2016) als abgeschlossen an. Daher interpretieren wir 2016 als „Turning Point“, als Beginn einer mehrjährigen positiven Phase an den Rohstoffmärkten.

Abb 1. Rohstoffmarktzyklen. Die lange Sicht 1970 bis 2016

Tiberius-Dennin-Abb1Quelle: Tiberius Research, Bloomberg

Die fundamentalen Rahmendaten der Rohstoffmärkte verbessern sich…

Auf dem globalen Ölmarkt fördern OPEC und Russland unverändert auf hohem Niveau und der Iran drängt darauf die eigene Ölförderung nach den Jahren des Embargos auszuweiten. Doch trägt die Strategie des billigen Öls der OPEC die ersten Früchte: Das Fördervolumen der USA ist im Vergleich zum Sommer 2015 von 9,6mbd auf aktuell 8,8mbd zurückgekommen (-800kbd). International befindet sich der Ölmarkt noch immer im Überschuss: es wird noch immer mehr Rohöl gefördert als verbraucht wird, jedoch sinken die Überschüsse. Angebotskürzungen verbessern auch das Marktgleichgewicht für viele Industriemetalle wie Aluminium, Kupfer und Zink. Ein Umfeld niedriger Preise, sinkender Unternehmenswerte und eine im Verhältnis steigende Schuldenlast zwang Unternehmen zu teilweisen Schließungen und Verkäufen von Produktionsstätten. Glencore, Alcoa, Nyrstar oder Freeport-McMoRan und First Quantum sind hierfür nur einige Beispiele. Auch im Agrarsektor zeichnen sich Verbesserungen ab: nach aktuellen Schätzungen des US-Landwirtschaftsministeriums gehen die Stocks-to-Use-Ratios der wichtigen Getreide- und Ölsaaten Mais und Sojabohnen 2016/17 im Vergleich zum derzeitigen Erntejahr weltweit zurück.

…doch kurzfristig wir raten zur Vorsicht

Den positiven Aussichten für die Asset Klasse Rohstoffe über die nächsten 2-3 Jahre, raten wir hinsichtlich von zwei Faktoren kurzfristig zur Vorsicht:

  1. US-Dollar: Der Zyklus ist noch nicht beendet
  2. CFTC: Einseitige Positionierung birgt Risiken

Handelsgewichtet zu den wichtigen Währungen gab der US-Dollar Index auf 92 Index Punkte nach, ein Rückgang von rd. 7% (Abb. 2). Spiegelbildlich stieg der EUR/USD von 1,05 im November 2015 auf über 1,15 (-9,2%). Wir gehen jedoch davon aus, dass der Euro durch die anstehenden Brexit-Verhandlungen und nachlassende Kohäsionskräften zwischen den Mitgliedstaaten weiter an Außenwert einbüßt und die Kapitalmärkte die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Zinsschritts in den USA drastisch unterschätzen.  Daher sehen wir den US-Dollar Index ein weiteres Mal das Niveau von 100 Indexpunkten testen und kurzfristig überschreiten. Für den EUR/USD würde dies einen Test der Parität bedeuten. Auch wenn sich die Rohstoffmärkte von dieser Entwicklung temporär entkoppeln können, so wird doch der Gegenwind spürbar werden.

Abb. 2. Rohstoffe und US-Dollar. Gleichlauf der Entwicklung

Tiberius-Dennin-Abb2Quelle: Tiberius Research, Bloomberg

Die Positionierung der Marktteilnehmer im Rohstoffsektor hat sich erschreckend einseitig entwickelt. Bei nicht-kommerziellen Marktteilnehmern ist rohstoffübergreifend ein Aufbau der Long-Positionen, ein Abbau der Short-Positionen und als Resultat ein Anstieg der Netto-Positionen zu beobachten. Neben Rohöl ist hier insbesondere die Positionierung bei Gold und Silber bemerkenswert. Getrieben durch Brexit, von der Aussicht auf weiterhin niedrige Zinsen, einen Anstieg der Inflation und eine weiterhin expansive Geldpolitik in Europa, USA und Japan stiegen die Netto-Positionen

Abbildung 3. CFTC. Netto-Positionen der Non-Commercials bei Gold und Silber auf 20-Jahreshoch

Tiberius-Dennin-Abb3Quelle: Tiberius Research, Bloomberg

auf ein 20-Jahreshoch an (Abb. 3). Auch wenn wir fundamental ein positives Bild für Edelmetalle zeichnen, sehen wir getrieben durch Gewinnmitnahmen der nicht-kommerziellen Marktteilnehmer das Potenzial für einen deutlichen Rücksetzer. Dies gilt in geringerem Maße auch für die Bereiche Energie und Industriemetalle.


FAZIT

Die Preisentwicklung an den Rohstoffmärkten koppelte sich während der Turbulenzen an den Kapitalmärkten im Zuge der Brexit-Entscheidung spürbar von den Aktienmärkten ab. Nicht nur Gold setzt sich im ersten Halbjahr deutlich von der negativen Aktienentwicklung ab, sondern auch die Sektoren Energie, Metalle und Agrar. Daher sind wir der Überzeugung Anfang 2016 das Tief der Rohstoffmärkte hinter uns gelassen zu haben und sehen Anzeichen für den Beginn eines neuen, mehrjährigen Rohstoffzyklus. Kurzfristig raten wir jedoch zur Vorsicht, denn ein erstarkender US-Dollar und eine Marktbereinigung der spekulativen Positionen könnten über die nächsten Wochen zu einer deutlichen Korrektur an den Rohstoffmärkten führen. Dies sehen wir als Gelegenheit, um auf einem attraktiven Preisniveau strategische Positionen aufzubauen.

Tiberius Research, Zug, Schweiz, 28.06.2016

 

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Titelbild: Barrick Goldlen
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