Sonntag , 22 Oktober 2017
Interview mit Roland Klaus: „Angriff auf unseren Wohlstand“

Interview mit Roland Klaus: „Angriff auf unseren Wohlstand“

Der Finanzjournalist und ehemalige n-tv Moderator Roland Klaus entwirft in seinem Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ eine Rettungsstrategie für die persönlichen Finanzen. 

Roland-Klaus_72dpiInvestor Magazin (IM): Sie haben Ihr Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ genannt. Wovor müssen wir uns denn verteidigen?

Roland Klaus (RK): Tatsächlich glaube ich, dass wir einem Angriff ausgesetzt sind. Dieser Angriff geht gegen unsere Finanzen, unseren Wohlstand und gegen das bequeme Leben, das viele von uns führen. Er kommt von Seiten unserer Politiker, die in der Vergangenheit bei ihren Entscheidungen zur Staatsverschuldung immer nur bis zum Ende der nächsten Wahlperiode gedacht haben und langfristige Wirkungen nicht beachtet haben. Und der Angriff kommt von Seiten der Mathematik.

IM: Wie meinen Sie das?

RK: Ja, der simplen Mathematik, die wir alle in der Schule gelernt haben. Wir befinden uns bereits mitten in der Schuldenspirale, in der wir unsere Zinsen und Ausgaben nur dann begleichen können, wenn wir neue Schulden machen. Diese neuen Schulden verursachen neue Zinsen. Das Rad dreht sich immer schneller. Ab einem gewissen Punkt gibt es kein Zurück mehr. Albert Einstein hat den Zinseszins einmal als das achte Weltwunder bezeichnet. Genau dieser Effekt spielt nun gegen uns.

IM: Helfen nicht die niedrigen Zinsen …?

RK: Richtig, und sie haben damit dafür gesorgt, dass man zumindest in den stabilen Ländern wie Deutschland das Problem noch nicht so extrem wahrnimmt. Aber in den Krisenländern wie Griechenland, da greift genau dieser Effekt. Und da wir in Europa ganz klar in Richtung Gleichmacherei-Politik gehen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch wir diese Schwierigkeiten zu spüren bekommen. In Deutschland beispielsweise ist seit Ausbruch der Finanzkrise 2007 die Staatsverschuldung von 60 Prozent des BIP auf mehr als 80 Prozent gestiegen. Und da sind die möglichen Belastungen einer Schulden- und Transferunion noch nicht mit drin. Wenn es dazu kommt, sind wir ruckzuck über 100 Prozent und dann ist das Rad auch bei uns nicht mehr zurückzudrehen.

IM: Mit welchen Folgen rechnen Sie?

RK: Im ersten Schritt bedeutet das, dass der Staat einen immer größeren Teil seiner Einnahmen für Zinsen aufbringen muss. Damit hat er für seine eigentlichen Aufgaben wie Sozialsysteme, Sicherheit, Infrastruktur und Bildung immer weniger Geld zur Verfügung. Dazu kommt mit der demografischen Entwicklung ein weiterer wichtiger Faktor. Schon heute stehen das Rentensystem und die Krankenkassen mit dem Rücken zur Wand. Jahr für Jahr gibt es mehr Leistungsempfänger und weniger Beitragszahler. In einem normalen Umfeld könnte der Staat das mit etwas Glück abpuffern. Aber nicht, wenn er gleichzeitig halb Europa retten muss. Ich bezeichne das Ergebnis in meinem Buch als „Staatsverarmung“. Das ist ein Phänomen, das eben nicht nur den Griechen und Portugiesen droht, sondern in einigen Jahren auch den Deutschen. Denn der demografische Wandel hat noch einen zweiten Effekt: Er sorgt dafür, dass das Zeitalter des ewigen Wachstums vorbei ist. Ohne Wachstum der Bevölkerung kein Wirtschaftswachstum. Ohne Wirtschaftswachstum keine höheren Steuern. Ohne höhere Steuern keine finanzielle Handlungsfähigkeit für den Staat.

Buchcover-Wirtschaftliche-Selbstverteidigung_perIM: In Ihrem Buch kommen Sie auf „neue Risiken“ zu sprechen. Was steckt dahinter?

RK: Damit ist gemeint, dass jeder von uns seine Wahrnehmung umstellen sollte bezüglich der Dinge, die er für „sicher“ und für „risikoreich“ hält. Ein Job im Öffentlichen Dienst wird möglicherweise nicht mehr sicher sein, genauso wenig wie die staatliche Rente. Die Amerikaner haben in den vergangenen Jahren eine halbe Million Stellen im Öffentlichen Dienst abgebaut. Das kann uns hier auch passieren. Bei der Geldanlage gilt: Eine Staatsanleihe ist nicht mehr so sicher, wie sie es vor einigen Jahren einmal war. Ein Sparbuch wird zwar vielleicht nicht wertlos, aber die Frage ist, was ist das Geld darauf noch wert, wenn es sich nur mit einem halben Prozent verzinst? Die neuen Risiken sind daher verdeckte Risiken, die wir als solche erst einmal wahrnehmen müssen.

IM: Und wie können wir uns dagegen wehren?

RK: Zunächst einmal muss sich jeder Einzelne der grundsätzlichen Probleme bewusst werden. Der wichtigste Punkt ist, sich von staatlichen Leistungen so weit wie möglich unabhängig zu machen. Da ist schon mal viel gewonnen, wenn man nicht blind auf den Staat vertraut. Die weiteren Schritte sind dann sehr unterschiedlich und von der individuellen Lage abhängig. Für den einen kann es heißen, die private Vorsorge deutlich zu verstärken. Für den anderen kann es bedeuten, sich beruflich neu zu orientieren. Für den Dritten ist es vielleicht sinnvoll, auszuwandern. Wir stellen im Buch eine Liste von Ländern vor, die sich als Auswanderungsziel eignen. Und zwar nicht, weil die Sonne dort besonders lange scheint und die Strände besonders schön sind. Wir bewerten die Länder stattdessen nach ihrer wirtschaftlichen, demographischen und politischen Stabilität. Heraus kommt eine Liste von zehn Ländern auf vier Kontinenten, die den Check bestehen.

IM: Und wie sollte mit Blick auf dieses Szenario Geld angelegt werden?

RK: Die Frage nach der richtigen Geldanlage ist ganz entscheidend davon abhängig, ob man Inflation oder Deflation erwartet. Ich halte das für eine Frage, die man derzeit nur schwer beantworten kann. Ich persönliche tendiere in Richtung Inflation, erwarte aber vorerst keine Hyperinflation. Für dieses Szenario ist ein Mix aus Sachwerten die richtige Wahl. Ein Teil Aktien oder Aktienfonds – dabei bevorzuge ich zum einen solide und wenig konjunkturempfindliche Titel. Zum anderen Aktien, die von der demografischen Entwicklung profitieren, in erster Linie Aktien aus den Emerging Markets oder Konzerne, die in den Schwellenländern einen großen Teil ihres Geschäftes machen.

IM: Und was ist mit Gold?

RK: Gold ist für mich kein Investment, es ist eine Versicherung für den Krisenfall. Das bedeutet einen Zusammenbruch des Finanzsystems. Den sehe ich derzeit bei aller Skepsis nicht unmittelbar vor der Tür stehen. Trotzdem sind zehn, vielleicht auch 20 Prozent des Vermögens in Gold eine sinnvolle Sache. Denn wenn man eine Lebensversicherung abschließt, rechnet man ja auch nicht damit, dass einem morgen ein Ziegelstein auf den Kopf fällt. Wenn Gold, dann aber bitte konsequent: Kein Papiergold, also keine Zertifikate und auch keine Fonds. Und auf die Lagerung achten! Gold bei einer deutschen Bank zu lagern, ist im Krisenfall genauso sicher, wie eine Wurst von einem Hund bewachen zu lassen.

Informationen zum Buch: Roland Klaus; Wirtschaftliche Selbstverteidigung – Schützen Sie sich und Ihre Familie vor Eurokrise, Inflation und Staatsverarmung (Wiley Verlag)

Der Autor:

Roland Klaus arbeitet als freier Journalist und Analyst in Frankfurt am Main und ist Mitglied im Bundesvorstand der Alternative für Deutschland. Für den amerikanischen Finanzsender CNBC und den deutschen Nachrichtenkanal N24 berichtete er von der Frankfurter Börse. Bekannt wurde er durch seine fast zehnjährige Tätigkeit als Moderator und Börsenreporter für den Nachrichtensender n-tv.

 

Bild: Tilmann Jörg / pixelio.de
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