Montag , 11 Dezember 2017
Interview mit Tobias Tretter: „Kurse spiegeln nicht die fundamentalen Daten wieder“

Interview mit Tobias Tretter: „Kurse spiegeln nicht die fundamentalen Daten wieder“

Der Schweizer Fondsmanager Tobias Tretter ist auch nach fast vier Jahren andauernder Krise bei den Rohstofftiteln guter Dinge. Die Historie ist dabei auf seiner Seite, denn es gab noch nie fünf schlechte Jahre in Folge. Auch seine Investoren scheinen dies so zu sehen und stellen weitere Mittel zum Investieren zur Verfügung. 

Tobias-Tretter_CommodityCapitalAG-3IM: Herr Tretter, bei unserem letzten Interview Ende September 2013 sprachen Sie davon, dass Sie sich solange mit Rohstoffinvestitionen wohl fühlen, solange die fundamentalen Daten mittel- bis langfristig Preissteigerungen versprechen. Der TSX Venture Index notiert auf Allzeittief-Niveau. Hat sich an Ihrer Meinung geändert? 

Tobias Tretter (TT): Nein, meine Meinung hat sich nicht geändert, sondern eher noch verfestigt. Leider spiegeln Börsenkurse nicht die fundamentalen Daten wider, sondern sind kurzfristig in erster Line abhängig vom Sentiment und politischen Entscheidungen. Das beste Beispiel hierfür liefert aktuell der Ölpreis, welcher insbesondere aufgrund der steigenden Produktion durch Fracking in den USA in den vergangenen Monaten kollabiert und über die Hälfte seines Wertes verloren hat. Hierzu muss man allerdings anmerken, dass die kolportierten 1,5 Mio. Barrel Überkapazität bereits seit Monaten im Markt bekannt sind und die Intensität und die angebliche Ahnungslosigkeit der Marktteilnehmer doch sehr überraschen. Ganz anders sieht es bei einigen Basis- und Edelmetallen aus, von welchen wir bereits jetzt wissen, dass die Nachfrage in den kommenden Jahren aufgrund bevorstehender Minenschließungen nicht mehr bedient werden können. Wir haben hier somit den entgegengesetzten Fall zu Öl vor uns liegen und sind bereits gespannt auf die „überraschte Reaktion“ des Marktes.

IM: Anfang 2014 sahen wir eine wahre Kursrallye vornehmlich bei den Qualitätstiteln im Explorationsbereich. Warum konnten wir das Niveau nicht halten? Wird sich diese Rallye 2015 wiederholen lassen?

TT: Der Jahresbeginn 2014 war extrem vielversprechend und es ist nur durch die allgemeine Verunsicherung des Marktes zu erklären, warum die Minenaktien sämtliche Gewinne im Laufe des Jahres wieder abgaben. Ein sicherlich sehr belastender Faktor ist, dass es keinem der großen Major gelingt, die selbstgesteckten Ziele zu erreichen und viele Marktteilnehmer die Misserfolge der großen Major auf den Gesamtmarkt übertragen und somit sie den Erfolgsstories – welche es durchaus gibt – kaum Beachtung schenken. Die ersten zwei Wochen 2015 zeigten sich sehr positiv für die Minenaktien und wir sehen sehr gute Chancen für ein erfolgreiches Jahr. Auch der Rückblick auf die Historie verspricht positive Entwicklungen. So kam es in den letzten 100 Jahren lediglich drei Mal zu einer vier Jahre andauernden Korrektur bei den Rohstoffen (1929 bis 1932; 1989 bis 1992; und 2011 bis 2014). Ein fünftes negatives Jahr gab es bislang noch nicht. Nach den Korrekturen folgten jedes Mal sehr profitable Jahre (2 bzw. 3 Jahre).

IM: Wie haben sich Ihre Fonds in den letzten Wochen und Monaten geschlagen? Haben Sie Mittel abgezogen, die Cashquote erhöht oder in andere Bereiche umgeschichtet?

TT: Wir haben in den letzten Monaten unsere Positionen in qualitativ gut aufgestellten Juniorunternehmen gehalten und legen weiterhin Wert darauf, in Produzenten mit niedrigen Förderkosten zu investieren, die selbst bei den aktuellen Rohstoffpreisen Geld verdienen. Weiterhin setzen wir auf die Explorationsunternehmen, die finanziell so gut aufgestellt sind, dass sie auch ein weiteres Jahr Rohstoffkorrektur ohne Finanzierung überstehen würden. Die Cashquote ist bei uns durch Mittelzuflüsse auf 10% angestiegen und wir investieren die freien Mittel aktuell in ausgewählte Juniorunternehmen. Da wir lediglich in sehr geringem Umfang im Ölsektor investiert sind, gab es für uns in den vergangenen Wochen keine Gründe, größere Umschichtungen vorzunehmen.

IM: Wo sehen Sie aktuell die größten Chancen für Anleger? Sind vielleicht kleinere Produzenten derzeit interessanter als die Majors wie Barrick Gold?

TT: Die Majors stehen zwar aufgrund ihrer Marktkapitalisierung im Fokus der großen institutionellen Investoren, aber für Anleger stellen sie keine interessanten Anlagealternativen dar. Die Majors enttäuschen bereits seit Beginn der Rohstoffhausse im Jahre 2000 und werden auch weiterhin deutlich unterdurchschnittlich performen, da sie gezwungen sind, ihre enormen Fördermengen auch in den kommenden Jahren aufrecht zu erhalten. Dies ist einerseits sehr teuer und andererseits mit vielen Risiken verbunden, da die großen und für Majors interessanten Projekte zumeist entweder in politisch instabilen Regionen oder in weit abgelegenen Gebieten liegen. Wir glauben, dass der Trend in den kommenden Jahren in Richtung kleinerer Projekte mit höheren Margen gehen wird und sehen einen klaren Trend in Richtung der mittelgroßen Produzenten mit hohen Margen und geringem Länderrisiko.

IM: Welche Unternehmen stehen auf Ihrer Beobachtungsliste derzeit ganz oben?

TT: Der Fokus liegt aktuell insbesondere auf mittelgroßen profitablen Produzenten, welche einerseits vom niedrigen Ölpreis profitieren und andererseits höhere Margen durch Preissteigerungen bei den abgebauten Rohstoffen erzielen können. Dabei achten wir auf das politische Länderrisiko und insbesondere auf die Qualität des Managements. Vor diesem Hintergrund sind sicherlich Produzenten wie bspw. Lake Shore Gold in Kanada, Klondex Mines in den USA  oder Teranga Gold und Semafo in Westafrika aussichtsreich. Aber auch angehende Produzenten wie eine Guyana Goldfields oder eine Torex Gold bieten Anlegern erhebliche Kurschancen.

IM: Bei welchem Edel- oder Industriemetall sehen Sie die größten Chancen 2015? Inwieweit werden Russland und China die Preise beeinflussen können?

TT: Bei den Industriemetallen Kupfer, Nickel und Zink sehen wir erhebliches Potential für 2015, wobei  Zink unser großer Favorit ist. Bis 2018 werden alleine über 1,8 Mio. Tonnen Zink und damit 15% der Weltjahresproduktion durch Minenschließungen wegfallen und es ist aktuell nicht absehbar, wie diese Lücke geschlossen werden kann. Zwar sind Produktionserhöhungen bestehender Minen in Planung, allerdings darf angesichts der aktuellen Depression im Rohstoffsektor stark bezweifelt werden, ob und wann diese stattfinden werden.

Bei den Edelmetallen erwarten wir eine hohe Volatilität beim Palladium– und Platinpreis, welche in erster Linie vom weltweiten Automobilabsatz sowie der politischen Situation in Russland als einem der beiden großen Förderländer abhängen. Hier gibt es sicherlich kurzfristig erhebliche Kurschancen, allerdings muss man hierzu als Anleger die Märkte sehr genau beobachten.

Gold konnte bereits im vergangenen Jahr in Euro um 12% zulegen und verteuerte sich auch in jeder anderen wichtigen Währung mit Ausnahme des US-Dollars. Wir sehen angesichts der weiterhin nicht gelösten Schuldenproblematik in Europa auch im kommenden Jahr eine starke Nachfrage nach Gold. Insbesondere in China ist die Nachfrage nach Gold weiterhin auf Rekordniveau und nachdem China bereits in den vergangenen beiden Jahren nahezu die gesamte Weltjahresproduktion importierte, stellt sich eher die Frage, ob die ETF’s auch in diesem Jahr Mittelabflüsse haben werden, um die Nachfrage aus Asien zu bedienen, oder woher diese kommen soll?

IM: Die Europäische Union hat jüngst indirekt angekündigt, durch Aufkäufe von Unternehmensanleihen die Wirtschaft stützen zu wollen. Auch ein Ende des „Quantative Easings“ in den USA ist nicht abzusehen, eigentlich Argumente für einen höheren Goldpreis. Warum mussten wir dennoch einen weiteren Einbruch des Goldpreises mitansehen und wo vermuten Sie den Goldpreis am Jahresende? 

TT: Die EZB möchte nun endgültig dem Vorbild der FED in Amerika folgen und die Geldschleusen öffnen. Grundsätzlich sorgen sämtliche Quantitativ Easing-Maßnahmen zu einer Verwässerung unserer Währung und damit zu einer schleichenden Enteignung der Bürger. Der Grund, dass der Goldpreis, welcher als einzige Währung der Welt nicht in beliebigem Maße vermehrbar ist, im vergangenen Jahr nicht besser performte, ist schwer zu erklären. Als Hauptfaktor sehe ich die die restriktive Kreditvergabe der Banken, die dafür sorgt, dass das zur Verfügung gestellte zusätzliche Geld nicht in den realen Wirtschaftskreislauf gelangt. Auch wird der breiten Masse noch immer vorgegaukelt, dass es keine Inflation gibt und dass die FED/EZB aus „Sorge“ vor einer Deflation die Geldschleusen öffnen können, ja sogar müssten. Leider dienen sämtliche Maßnahmen bislang lediglich dem Verlagern der Probleme in die Zukunft und nicht deren Lösung. Die Goldpreisentwicklung wird auch 2015 stark von politischen Entscheidungen und den Maßnahmen der Notenbanken abhängig sein. Dennoch sehen wir bei 1.200 USD je Unze einen Boden und sehen auf Jahresfrist durchaus Potential auf 1.600 USD.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Tobias Tretter ist Geschäftsführer und Chief Investment Office der 2009 gegründeten Commodity Capital AG aus Zürich. Er ist für das Treffen von Investmententscheidungen beim Commodity Capital Global Mining Fund und weiteren ausgewählten Indexprodukten verantwortlich. Herr Tretter ist ein Absolvent der Universität in Bayreuth, wo er seinen Abschluss in Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt auf Finanzen und Bankenmanagement erhielt. Er startet seine Karriere bei Credit Suisse Asset Management und arbeitete auch für Fujitsu Siemens sowie der Dr. Jens Ehrhardt Kapital AG.

http://www.commodity-capital.com/

 

Bild: Redaktion

 

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