Samstag , 24 Juni 2017
Kovačević: „Strom benötigt Kupfer. Punkt.“

Kovačević: „Strom benötigt Kupfer. Punkt.“

Seit Anfang des Jahres hat der Kupferpreis um mehr als 20% nachgegeben. Viele Analysten haben die Befürchtung, dass dem Industriemetall eine ähnlich düstere Zukunft droht wie Eisenerz. Doch Buchautor Gianni Kovačević hält dagegen und erläutert im Gespräch mit dem Investor Magazin, warum er grade jetzt auf das vermeintlich knapp werdende Metall setzt.

Investor Magazin (IM): Gianni, Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, um mit uns nicht nur Ihr Buch „Mein Elektriker fährt einen Porsche?“ zu besprechen, sondern auch um mit uns die aktuelle Lage am Kupfermarkt zu diskutieren. Lassen Sie uns direkt starten.

Sie sagen, dass der Hauptcharakter Ihres Buches, der Elektriker Johnny, zu 80% auf Ihren eigenen Erfahrungen basiert. Worum geht es und was hat Sie motiviert, dieses Buch zu schreiben?

Gianni-Kovacevic

Autor Gianni Kovačević

Gianni Kovačević (GK): Ich habe dieses Buch geschrieben, um meinen Gedankenprozess nach über zehn Jahren an Erfahrungen und Beobachtungen rund um das Thema Emerging Markets zu zementieren; mehr Menschen konsumieren immer mehr Dinge und der Effekt, den sie aktuell und auch in Zukunft auf „Dinge“, hauptsächlich auf Rohstoffe und Technologie, haben werden. Ich nenne diese Leute, „die neue Ausgabenklasse“, diese sind weder reich noch arm, doch ihr wirtschaftlicher Fußabdruck ist in ungefähr genauso groß oder in manchen Fällen sogar größer als der, den wir im Westen entwickelt haben.

Das Buch ist auf meinen eigenen Lebenserfahrungen aufgebaut und um den Leser zu fesseln, habe ich es als eine Art Geschichte zwischen einem jungen Elektroniker geschrieben, der seinen Familienarzt darüber aufklärt wie sich die Welt technologisch und demographisch verändert hat. Die Zahlen und Fakten sind auf diese Art und Weise für den Leser viel einfacher aufzunehmen und zu genießen.

IM: Das Hauptthema in Ihrem Buch dreht sich um das Investieren in einen wesentlichen Rohstoff: Kupfer. Der Preis des Industriemetalls ist seit Jahren unter Druck. Aktuell liegt der Preis bei 2,27 US-Dollar je Pfund. Die Abwertung des chinesischen Yuan lässt Investoren in dem Glauben, dass die chinesische Wirtschaft am Straucheln ist. Dies hat den Preis weiter belastet. Warum denken Sie, sollten Investoren dennoch einen genauen Blick auf diesen Rohstoff haben? Handelt es sich hier aktuell nicht um ein „Fallendes Messer“-Szenario?

GK: Ah, Kupfer. Auf Basis des US-Dollar ist auf Grund dessen Stärke so ziemlich alles in den letzten Monaten, um sagen wir 20 bis 30%, gefallen.

Kupfer steht im Gegensatz zu Öl allerdings nicht so sehr im politischen Fokus. Ich versuche Leuten verständlich zu erklären, dass die 40 bis 50 Jahre andauernde Korrelation von Öl zu anderen Rohstoffen eine Abweichung bezüglich Kupfer aufweist. Hierfür gibt es einige Gründe.

Zum einen hat sich der Energiemix verändert: es wird Gewinner und Verlierer geben. Fossile Brennstoffe, hauptsächlich Öl und Kohle, werden die Verlierer sein. Kohle viel mehr noch als Öl. Ich wiederhole gerne folgenden Satz, den ich weltweit für mich beanspruche:

„Öl ist Energie, Energie ohne fossile Brennstoffe ist Strom und Strom benötigt Kupfer“.

Punkt. Für jede nicht verbrauchte Einheit an Öl und Kohle wird drei- bis fünfmal so viel an herkömmlicher Energie benötigt. In den kommenden Jahren müssen Investoren anerkennen, dass je grüner und sauberer wir unsere Energie herstellen, die Nachfrage nach Kupfer umso mehr steigen wird. Es gibt noch keine weltweite, geheime Gruppierung, die das vollständig verstanden hat … bis jetzt.

Zweitens, Investoren sollten einen genauen Blick auf die Balance zwischen Angebot und Nachfrage werfen, genauer gesagt auf die Angebotsseite. Die Nachfrage mag in manchen Bereichen auf Grund wirtschaftlicher Indikatoren niedriger ausfallen, in anderen Bereichen allerdings auf Grund von neuen unkalkulierbaren Anwendungsgebieten für Kupfer in der Stromherstellung, beim Transfer und der Nutzung dafür ansteigen.

Kupfer, 5-Jahreschart. Zum Vergrößern klicken

Kupfer, 5-Jahreschart. Zum Vergrößern klicken

IM: Wie sehen Sie die Preisentwicklung von Kupfer in den nächsten 12 bis 24 Monaten? Auf welche Punkte sollten Investoren ein besonderes Augenmerk legen, um frühzeitig eine Trendwende zu erkennen?

GK: Vielleicht der Indikator schlechthin, der eine Trendwende beim Kupferpreis markieren könnte, ist der Endverbraucher.

In einem zur Baisse tendierenden Markt mit sich langweilig seitwärts bewegenden oder gar fallenden Preisen, gibt es keinen Grund, die Lager übermäßig voll zu haben. Der Endverbraucher ist sicherlich nicht habgierig in diesem Umfeld und deshalb sehen wir schwache und fallende Preise. Dies sollte sich auch nicht ändern, bis wir eine überwältige Zahl an Beweisen vorliegen haben werden, die belegen, dass der Markt sehr eng ist oder sich bereits in einem Defizit befindet. Die Marktteilnehmer sind auf die Faktoren Angebotsüberschuss oder Defizit gepolt.

Nach 2017/2018 sehen wir kaum noch neue Minen in Produktion gehen. Was passiert bis dahin? Wenn die Endverbraucher aufhören, „Hand-in-den-Mund Käufer“ zu sein, dann werden sie gierig und wie ein Schwarm Fische werden sie sich auf das Angebot stürzen und die Preise werden anziehen.

Interessant ist allerdings, dass dieses „Reise nach Jerusalem“-Spiel erst beginnt, wenn womöglich nicht mehr ausreichend längerfristiges Angebot sichergestellt werden kann. Ich erinnere da an die Rallye aus dem Oktober 2003, als die Grasbergmine einbrach. Der Preis schoss von 1 US-Dollar auf 4 US-Dollar!

IM: Inwieweit werden neue Technologien wie Elektrofahrzeuge und Batterien zur Speicherung von Strom im Haus, die Balance von Angebot und Nachfrage beeinflussen?

GK: Grundsätzlich kann man sagen, dass Elektroautos drei- bis viermal so viel Kupfer verbrauchen pro Fahrzeug. Die wichtigere Frage wird sein, wann werden diese einen bedeutenden Anteil an den Autoverkäufen insgesamt darstellen?

Antwort: Die Kostenparität zwischen Elektroautos und herkömmlichen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor wird im Jahr 2019 oder 2020 erreicht. Jetzt können Sie es sich selber ausrechnen. Der gesunde Menschenverstand lässt die Vermutung zu, dass dann mehr Menschen diese auch nutzen werden. Zusätzlich soll in den nächsten fünf bis 15 Jahren der Verkehr in den Städten, also Busse, Mülllaster, Postautos usw. nach und nach auf Elektrobetrieb umgestellt werden.

In Bezug auf die Stromerzeugung benötigen Solar und Windkraft vier bis sechs Tonnen Kupfer pro Megawattstunde an Kapazität, Off-Shore Windparks sogar zehn Tonnen! Die weltweite Stromkapazität liegt heute bei ca. 5.600 Gigawattstunden.

Erneuerbare Energien machen davon heute nur einen kleinen Teil aus, aber auf Grund von Investitionen von bis zu 12 Billionen US-Dollar bis 2040 wird dieser Anteil zu nehmen. China allein will bis 2020 rund 175 Gigawattstunden aus Solar und Windkraft generieren.

IM: Schauen wir auf die Angebotsseite: Sie hatten bereits erwähnt, dass quasi keine neuen Minen in Produktion komen. Glencore erwähnt in einer Präsentation vom November letzten Jahres, dass die Kupferangebotszahlen bereits sehr optimistisch seien und nennt konkrete Gründe dafür. So produzieren einige größere Minen unter Erwartung (siehe Graphik unten; bitte reinzoomen). Wie schätzen Sie die Lage ein?

Glencore - Einschätzung zum Kupferangebot

Glencore – Einschätzung zum Kupferangebot

 

GK: Ich stimme Telis Mistakidis, dem Leiter von Glencores Kupferabteilung, Voll und Ganz zu. Investoren sollten sich das Video zu dieser Präsentation anschauen.

Glencore kontrolliert über 50% des international gehandelten Kupfers. Wer kennt daher den Puls von fast allen großen Abbaubetrieben besser; Glencore oder drei Goldman Sachs Analysten in New York?

Wie Telis sehe auch ich kein Überangebot am Horizont. Goldman Sachs betont in seinem Bericht vom 22. Juli 2015, dass man den Kupferpreis nicht über der Marke 2,50 US-Dollar je Pfund bis 2020 erwarte.

Ich stimme auch Codelco, Rio Tinto und BHP Billiton zu, die sagen, dass man einen Kupferpreis von 3,50 US-Dollar je Pfund benötige, um das Wagnis einzugehen, neue Minen zu bauen. Wo soll also das neue Angebot 2017, 2018 und 2019 herkommen?

IM: Manche Analysten glauben, dass der Kupferpreis denselben Weg wie den von Eisenerz gehen wird. Nur die großen Produzenten, die zu niedrigen Kosten produzieren können, werden in der Lage sein, einen Profit zu erwirtschaften, während die kleinen und mittelgroßen Produzenten aus dem Markt gedrängt werden. Was halten Sie von dieser These?

GK: Die meisten Analysten stimmen in der Annahme überein, dass die Produktionskosten von 70 bis 80% der größten Produzenten zwischen 2,00 und 2,50 US-Dollar je Pfund Kupfer liegen. Aber was ist mit den Kosten für die Instandhaltung der Anlagen? Die All-In Kosten, in denen alles inbegriffen ist, um ein Pfund Kupfer zu produzieren, liegen näher bei der Marke von 3,50 US-Dollar je Pfund.

Zusätzlich werden in den nächsten Jahren die Kupfergehalte im Gestein um 20 bis 30% sinken. Wenn sie jährlich 40 bis 50 Millionen Tonnen mit Trucks mit 400 Tonnen Kapazität abbauen, ist es keine leichte Sache 10 bis 20 Millionen Tonnen mehr im Jahr abzubauen, um auf denselben Metallertrag zu kommen.

Meine Freunde bei Codelco meinen, dass sie ab 2030 kein primärer Kupferproduzent mehr sein werden, sollten sie bis dahin nicht mindestens 30 Mrd. US-Dollar in ihre Anlagen investieren. Vergessen Sie aber nicht, dass ein Kupferpreis von 3,50 US-Dollar je Pfund benötigt wird, damit dies wirtschaftlichen Sinn ergibt. Unter diesen Voraussetzungen fühle ich mich mit Investitionen in Kupfer Wohl. Ich habe einen Investitionshorizont von zwei bis fünf Jahren und suche maximale Optionalität, um von einem Anstieg des Kupferpreises auf dieses Niveau zu profitieren.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Über Gianni Kovačević

Gianni Kovačević beschäftigt sich seit über 15 Jahren intensiv mit Investments im Bereich Rohstoffe und den Themen Emerging Markts, China und realistischen Umweltschutz. Er ist ein gefragter Redner und lebt hauptsächlich in Vancouver, Kanada, verbringt aber auch viel Zeit in Europa.

Das Buch „Mein Elektriker fährt einen Porsche?“ können Sie hier direkt bei Amazon bestellen.

Gianni-Kovacevic-Buch

 Titelbild: cut2sizemetals.com


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