Samstag , 27 November 2021

Nach dem Brexit: Quo Vadis Europa? (DAX, FTSE, Gold, Silber, Deutsche Bank)

Das Königreich will raus, die EU ist in der Krise

 

Bevor ich über die Märkte spreche, muss ich über Medien sprechen. Die deutschen Massenblätter waren im Vorfeld des Referendums über den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union in Mannschaftsstärke nach London gereist. Einhelliger Tenor: die Briten bleiben an Bord. Damit lag man falsch. Nun wollen uns diese selbsternannten politischen Analysten etwas von den Folgen erzählen und das Britannien der große Verlierer des Votums sei. Lassen Sie sich bitte nicht  blenden. Zum heutigen Zeitpunkt wissen selbst echte Experten nicht, welche Folgen der Brexit haben wird. Vieles kommt darauf an, wie beide Seiten nun den Austritt verhandeln und zu welchen Vereinbarungen es kommt. Im besten Fall wird Großbritannien wie die Schweiz oder Norwegen zwar nicht mehr dabei sein, aber insbesondere in vielen wirtschaftlichen Fragen einen faktischen Freihandelsstatus genießen.

Kommt er denn, der Brexit?

Dabei steht derzeit noch nicht einmal fest, ob der Brexit wirklich kommt. Die Europäische Union in Person von Angela Merkel spielt auf Zeit. Briten-Premier David Cameron will erst einmal keinen Antrag zum Austritt einreichen, selbst aber erst in einigen Monaten zurücktreten. Hier deutet – allen Äußerungen zum Trotz – vieles darauf hin, das es auf beiden Seiten keinen Plan für den Brexit gab. Rein rechtlich kann diese und jede andere britische Regierung die Stimme des Volkes ignorieren, an das Votum ist man nicht gebunden. Und auch die EU kann sich auf der anderen Seite viel Zeit lassen, auch wenn man verbal mit diesem und jenem droht. Bevor man etwas Falsches macht, macht man erst einmal nichts. Das ist ein Armutszeugnis. Wenn ich ein Brite wäre, wäre ich heute noch stärker für den Austritt aus diesem undemokratischen Brüsseler Lobbyisten-Klub als vor dem Referendum. Derzeit deutet vieles daraufhin, dass der Brexit auch umgesetzt wird. Meine Hand würde ich dafür aber nicht ins Feuer legen.

Finanzplatz London verliert

Einige Folgen des Austritts liegen auf der Hand. Viele Finanzfirmen konnten bisher von London aus ihre Produkte anbieten, ohne eine eigene Dependance auf dem Kontinent zu betreiben. Dieser Vorteil dürfte verloren sein. Institute wie JPMorgan und Deutsche Bank haben bereits angekündigt, Arbeitsplätze zu verlagern. Als Gewinner dieses Job-Transfers dürften Dublin (als Back-Office), Paris und Frankfurt gelten. Wenn Sie also in Mainhatten eine Immobilie in ordentlicher bis guter Lage besitzen, kann man Sie nur beglückwünschen. Die Preise steigen weiter, es gibt kaum freien Wohnraum und nun kommen einige tausend gutbezahlte Banker in die Stadt. Es wird noch enger am Main. Mit dem Brexit dürfte dagegen die Börsenfusion zwischen London und Frankfurt geplatzt sein. Politisch ist das nicht mehr durchsetzbar, wenn die Konzernführung wie geplant an der Themse sitzen soll.

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Keine Börsenfusion

Ganz anders ist die Lage bei Industrieunternehmen. Wer gerade Millionen Euro investiert hat, wird wohl kaum die Fabrik abbauen und nun die Zelte auf dem Kontinent aufschlagen. Es kommt ohnehin darauf an, wie die Verhandlungen zwischen der EU und UK ausgehen. Grundsätzlich ist es für außereuropäische Konzerne künftig sinnvoll, neue Standorte in der EU aufzubauen. Großbritannien dürfte also kaum neue Investitionen anziehen. Auf der anderen Seite werden die Konzerne genug Druck machen, damit ihre in England hergestellten Produkte weiterhin zollfrei in der EU verkauft werden dürften. Als EU-Bürger wäre zwar ein hartes Vorgehen gegen die Briten wünschenswert, aber so etwas erwarte ich nicht.

Keine Zinserhöhungen

Die Investoren haben am Freitag und Montag viel Geld vom Tisch genommen. Die Börse hasst Zeiten der Unsicherheit. Solange es keinen Plan für den Austritt gibt, dürfte diese schwierige Phase anhalten. Ein Gewinner des Brexit ist Gold, wie die jüngsten Kurssprünge zeigen. Das Edelmetall dürfte ebenso wie Silber von der unübersichtlichen Lage profitieren. Zudem dürfte es nun auch kein Störmanöver aus den USA geben. Die Pläne zur Erhöhung der Zinsen wird die Federal Reserve ad acta gelegt haben. Und das ist vielleicht das einzige, was man mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen kann. Wir raten dazu, eine hohe Cashquote zu halten. Sie müssen derzeit nicht am Aktienmarkt voll investiert sein.

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Bild: Pixabay - gerarddm

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