Sonntag , 27 Oktober 2019
Marktkommenar: Ist die Ölrally schon wieder vorbei? (Brent, WTI, Crude)

Marktkommenar: Ist die Ölrally schon wieder vorbei? (Brent, WTI, Crude)

Im Januar rief Goldman Sachs indirekt das Ende des Ölzeitalter aus. Ein Analyst der Investmentbank sah einen Preis von unter 20 US-Dollar/Barrel als realistisch an. Und das würde dauerhaft so bleiben. Doch wie schon 2008, als die Goldmänner die Notiz über der 200 US-Dollar-Marke sahen, entpuppte sich diese Prophezeiung als Luftnummer und Wendepunkt zugleich. Denn im Januar markierte Brent sein Mehrjahrestief bei 27,80 US-Dollar je Barrel und drehte dann umgehend gen Norden. Bis Mitte Juni verteuerte sich der Preis in der Spitze um 85%. Für diesen Preisanstieg gab es viele Gründe: die Produktion der Frackingindustrie in den USA ging als Folge sinkender Preise immer weiter zurück. Hinzu kamen Waldbrände in Kanada, die die Ölsandproduktion einschränkten. Daneben sorgten Anschläge in Nigeria für Sorgen auf der Angebotsseite. Nicht zuletzt rissen sich Saudi-Arabien und Russland, die aktuell größten Produzenten, zusammen und vereinbarten (softe) Fördergrenzen. Aktuell sehen wir nach dieser atemberaubenden Rally den ersten größeren Rückschlag. So hat die Notiz im Juli um rund 10% nachgegeben. Am Dienstag konnte ein Teil der Verluste aber aufgeholt werden.

Angebot steigt wieder

Dennoch rumort es nun im Markt. Der Iran fährt nach dem Ende der US-Sanktionen die Produktion schneller als erwartet hoch. Die Waldbrände in Kanada sind kein Thema mehr. Und: Wegen des Preisanstiegs fährt die US-Frackingindustrie wieder ihre Förderung hoch und weitet das globale Angebot somit aus. So meldete Baker Hughes einen Anstieg der aktiven Ölbohrungen auf 351 Löcher. Seit Anfang Juni sind 35 bzw. 10% mehr Bohrtürme aktiviert worden. Eine Gefahr bleiben die spekulativen Investoren. Sie waren mit der Rücknahme ihrer Longpositionen für den jüngsten Preisrückgang mitverantwortlich. „Die meisten der noch bestehenden Positionen dürften bei Preisen unterhalb von 45 USD je Barrel aufgebaut worden sein“, glauben die Analysten der Commerzbank. Somit droht Preisdruck, sobald diese Marke erreicht wird. Der Markt sei angeschlagen.

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Nigeria, das neue Libyen?

Doch so ganz eindeutig ist die Lage nicht. Auch wenn zuletzt vieles für Stabilität auf der Angebotsseite sprach, bleiben Risikofaktoren. So hat zwar der Iran zuletzt seine Produktion ausgeweitet, dafür sank diese im Nachbarland Irak. Das zweitgrößte OPEC-Land hatte im Juli lediglich 3,2 Mio. Barrel pro Tag verschifft und damit deutlich weniger als erwartet. Vor Ort heißt es, dass es auch im Juli und August nicht besser wird. Zum entscheidenden Faktor könnte aber Nigeria werden. Jüngst hieß es, es gebe einen Waffenstillstand zwischen den Nigeria Delta Avengers (NDA) und der Ölindustrie. Doch das war wohl Wunschdenken. Die NDA dementierte umgehend. Und so fürchtet mancher im Markt, dass Nigeria zum „zweiten Fall Libyen“ werden könnte. In dem nordafrikanischen Land war die Produktion nach der Absetzung von Staatschef Muammar al-Gaddafi und dem bis heute andauernden Bürgerkrieg eingebrochen. Aktuell werden weniger als ein Viertel der Menge aus 2013 produziert. Mit weniger als 500.000 Barrel pro Tag ist Libyen zu einem Allerweltsproduzenten verkommen. In Nigeria ist seit 2013 die Förderung von rund 2 Mio. Barrel auf aktuell 1,4 Mio. Barrel pro Tag gesunken. Ein Ende ist nicht absehbar, zumal die NDA mit einer völligen Lahmlegung der Förderung im Niger-Delta droht. Last, but not least steht Venezuela vor dem „Kollaps“, wie es die LBBW jüngst ausdrückte. Das Land ist mit den fallenden Ölpreisen 2015 in die Krise geschlittert und könnte im Chaos versinken. Inzwischen leidet sogar die Ölproduktion, die unter die Marke von 2,5 Mio. Barrel/Tag gefallen ist.

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US-Daten geben Entwarnung

Immerhin gibt es ein wenig Entwarnung von der Konjunkturfront. Die Arbeitsmarktzahlen in den USA waren am Freitag überaus positiv ausgefallen. Zudem läuft in den Staaten bereits die verbrauchsstarke „Driving Season“. Die Lage bleibt aufgrund dieser vielen gegenläufigen Faktoren unübersichtlich. Wir erwarten deshalb, dass der Ölpreis vorerst in der Handelsspanne zwischen 45 und 50 US-Dollar verbleibt. Mit einem Ausbrechen nach oben oder unten ist erst dann zu rechnen, wenn das Pendel politisch und wirtschaftlich stärker in eine bestimmte Richtung ausschlägt.

 

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Bild: pixabay
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