Sonntag , 27 Oktober 2019
Serie: Energie – Der Ölmarkt an einem historischen Wendepunkt | Teil 2

Serie: Energie – Der Ölmarkt an einem historischen Wendepunkt | Teil 2

Die Ölmarkt ist im Wandel. Immer neue Krisen und Technologien sowie die Industrialisierung der Schwellenländer verändern den Markt nachhaltig. Wir blicken auf die großen Entwicklungen im Geschäft mit dem “schwarzen Gold” und wagen eine Prognose. Eine Serie in drei Teilen.

TEIL 2

Öl für den sozialen Frieden

Die arabischen Staaten, aber auch Russland und Venezuela haben ein ganz anderes Problem. Aufgrund einer weitgehend fehlgeleiteten Wirtschaftspolitik haben es diese Staaten bis heute nicht geschafft, sich von den Öl- und Gaseinnahmen unabhängig zu machen. Sie brauchen die Petrodollar zur Finanzierung ihrer Staatshaushalte. Ein ehemaliger russischer Finanzminister brachte es auf den Punkt: man bräuchte einen Ölpreis von mindestens 100 US-Dollar, um einen ausgeglichenen Haushalt zu haben. Der Wert dürfte heute etwas höher liegen. Ähnliches gilt auch für Venezuela. Die Regierungen in den arabischen OPEC-Staaten wiederum stützen heute mehr denn je ihre Macht auf die Öleinnahmen. Ohne teures Öl dürften diese weitgehend undemokratischen Regime ihre Macht kaum halten können. Die Öleinnahmen sorgen hier immer noch für den sozialen Frieden und halten die Menschen von der Straße fern. Wir brüchig die Machtbasis ist, zeigten die Entwicklungen im Rahmen des „arabischen Frühlings“. Auch wenn diese „Bewegungen“ keinen Erfolg hatten, haben sie den Herrschenden in diesen Staaten klar gemacht, was ihnen droht, wenn die Gewinne ausbleiben. Dies gilt vor allem für Saudi-Arabien, den Katar, Bahrein, die Emirate und Kuwait. Im Irak gibt es wiederum eine Sondersituation. Das Regime in Teheran scheint fester im Sattel zu sitzen als die Kollegen in Riad oder Dubai.

Der Absturz

Top10-Öl-Gas

Top 10 der weltweit größten Öl- und Gasförderer

Wie brenzlig die Lage bereits heute ist, zeigt der Blick auf den Ölpreis. 2014 wies der Preis für die Nordseesorte Brent einen Durchschnittswert von 98,95 US-Dollar. Das waren 9,71 US-Dollar weniger als im Jahr zuvor. Seit Juli vergangenen Jahres hat sich die Talfahrt beschleunigt. Bis Mitte Januar halbierte sich der Preis auf zeitweise weniger als 50 US-Dollar. Seither hievten zwei kleine Aufschwungsphasen die Notierung in den Bereich um 65 US-Dollar. Die Auswirkungen sind für einige Länder eine Katastrophe. Russland steht finanziell mit dem Rücken zur Wand und kämpft mit dem Absturz von Währung und Wirtschaft. Im Falle Venezuelas fragen sich viele nur noch, wann die Staatspleite kommt. Kuwait wird 2015 erstmals seit zwei Jahrzehnten ein Haushaltsminus aufweisen. Auch Weltmarktführer Saudi-Arabien muss wie die Emirate an die Reserven ran, befindet sich aber in einer weitgehend stabilen Situation. Sie haben einen der größten Staatsfonds der Welt und hunderte Milliarden an Devisen in der Hinterhand.

In China spielt die Musik

Der Grund für den Preisabsturz der vergangenen Jahre lässt sich an zwei Ursachen festmachen. Zum einen kommt die Weltwirtschaft nicht voran, der Verbrauch wächst derzeit mit nur 0,8 Mil. Barrell Tagesverbrauch pro Jahr. Dabei kommt das Wachstum ausschließlich aus den Schwellenländern außerhalb der OECD-Staaten. Das Zentrum des Wachstums bildet China. Die Volksrepublik legte zwar relativ gesehen nicht so stark zu wie in den Vorjahren, absolut gesehen entsprechen ein zusätzlicher Verbrauch von 390.000 Barrell pro Tag einem neuen Höchstwert. Der Verbrauch in den OECD-Staaten selbst fiel 2014 um 1,2%. Es ist der erste Rückgang seit neun Jahren. In Japan fiel der Ölverbrauch übrigens auf den niedrigsten Wert seit 1971 und lag 220.000 Barrell/Tag unter dem Vorjahreswert. Insgesamt lag das Wachstum der globalen Öl-Produktion 2014 doppelt so hoch wie die Zunahme des Verbrauchs.

Der Fracking-Faktor

Ein Hauptgrund für den Preisverfall ist der Rollenwechsel der USA vom größten Ölverbrauchen der Welt zu einem der größten Produzenten. Zum ersten Mal in der Geschichte hat ein Land drei Jahre in Folge die Ölproduktion um jeweils 1 Mio. Barrell pro Tag erhöhen können. Zusammen mit dem Förderplus in Kanada (310.000 Barrell/Tag) und Brasilien (230.000 Barrell/Tag) führte das dazu, dass der OPEC-Anteil am Weltmarkt auf 41% zurückging – der niedrigste Wert seit 2003. Die USA profitierten dabei vornehmlich vom Vormarsch des Frackings (eigentlich „Hydraulic Fracturing“). Bei dieser Technologie werden mit Chemikalien die Risse in einer unterirdischen Lagerstätte geweitet und stabilisiert, so dass die Durchlässigkeit steigt. Dadurch kann das darin befindliche Öl leichter und effizienter gewonnen werden. Das hatte für die USA einen großen positiven Effekt: die Energieimporte gingen zurück und das Handelsbilanzdefizit sank. Der Cashflow der Fracking-Industrie soll 2013 bei mehr als 250 Mrd. US-Dollar gelegen haben.

Der Pakt

Neben dem US-Fracking-Boom ist Saudi-Arabien der zweite wichtige Faktor in diesem „Great Game“. Das Königreich hat begonnen, den Weltmarkt mit billigem Öl zu fluten. Dabei hatte die OPEC in den vergangenen Jahren immer wieder erklärt, dass der Markt trotz aller Krisen sehr gut versorgt sei. Die Saudis haben dennoch einen Preiskrieg angezettelt, der bis heute für viele offene Fragen gesorgt hat. Es bestand schlichtweg keine Notwendigkeit, bei einem ohnehin sinkenden Ölpreis noch einen draufzusetzen. Die Saudis schneiden sich damit ins eigene Fleisch. Natürlich! Aber möglicherweise nur kurzfristig. Dahinter steht wohl eine Mischung aus politischer und ökonomischer Strategie.

Das politische Interesse

Ich habe in den vergangenen Monaten immer wieder mit Ölpreisanalysten, aber auch mit Ölhändler über diese Strategie diskutiert. Eine einzige logische Erklärung gibt es nicht, außer man glaubt, dass die Saudis mit den USA eine gemeinsame Strategie fahren. Die Saudis machen Druck auf den Weltmarkt und bringen damit gleich mehrere politische Gegner der USA in die Bredouille. Vor allem geht es hier um Russland, dass man ja bereits zusammen der EU sanktioniert. Die Idee dahinter ist recht simpel: mit einem sinkenden Ölpreis gerät Moskau irgendwann so stark unter Druck, dass Putin seine Ambitionen in der Ukraine und anderswo zurückfahren muss. Dann hätten die USA die Russen wohl endgültig in Europa isoliert. Hinzu kommt, dass zwei weitere politische Gegner Probleme bekommen: der Iran und Venezuela. Beide haben eine veraltete Produktion, dadurch vergleichsweise hohe Kosten. Sinkende Ölpreise wiegen dann besonders schwer.

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