Samstag , 17 August 2019
Serie: Energie – Der Ölmarkt an einem historischen Wendepunkt | Teil 3

Serie: Energie – Der Ölmarkt an einem historischen Wendepunkt | Teil 3

Die Ölmarkt ist im Wandel. Immer neue Krisen und Technologien sowie die Industrialisierung der Schwellenländer verändern den Markt nachhaltig. Wir blicken auf die großen Entwicklungen im Geschäft mit dem “schwarzen Gold” und wagen eine Prognose. Eine Serie in drei Teilen.

TEIL 3

Auch die USA profitieren

Die Saudis geben offiziell an, dass sie vor allem in Asien Marktanteile erobern und sichern wollen. Auch darin wird viel Wahrheit stecken. Auf der US-Seite scheint der Preis für diese politische Strategie auf den ersten Blick recht hoch: die eigene Fracking-Industrie muss seit inzwischen mehr als 25 Wochen Bohrlöcher schließen und Arbeiter entlassen. Der Negativ-Effekt dürfte irgendwo im Bereich von 50 Mrd. US-Dollar pro Jahr liegen. Seriöse Schätzungen dazu gibt es nicht. Auf der anderen Seite wird der US-Konsument, der immer noch unter den Folgen der Finanzkrise leidet, entlastet. Die Amerikaner sind schließlich immer noch die Autofahrer-Nation Nummer eins. Zudem sinken die Kosten der US-Industrie erheblich. Sie war und ist im Vergleich zu der Konkurrenz aus Europa lange nicht so erfolgreich beim Einsparen von Energiekosten. Und nicht zuletzt bekommt die US-Militärindustrie durch den Konflikt mit Russland einen Schub.

Die US-Bevölkerung ist nach dem Irak-Abenteuer so kriegsmüde wie selten zuvor. Der Export von Waffen zur Aufrüstung der östlichen NATO-Partner und des neuen Verbündeten in Kiew stößt dagegen beim Wähler auf keinen Widerspruch. Bemerkenswert ist, dass – trotz der Sanktionen gegen Russland – der Handel zwischen den Erzfeinden 2014 zugelegt haben soll. Das behauptete zumindest jüngst Der Spiegel. Dies steht im Gegensatz zu den Exporteinbrüchen, die vor allem Deutschland, aber auch andere EU-Staaten zu verkraften haben. Eine Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) kommt zum Ergebnis, dass die Sanktionen mittelfristig allein in Deutschland bis zu 465.000 Arbeitsplätze gefährden könnten, unmittelbar seien 175.000 Jobs bedroht. Europaweit liegt die Zahl laut WiFo bei rund 2 Mio. Die EU-Kommission sieht dagegen nur „relativ kleine und handhabbare“ Auswirkungen. Nicht unwichtig in diesem Zusammenhang: US-Konzerne sind auch schon seit Jahren einer, wenn nicht der wichtigste Handelspartner des Iran. Sie wickeln ihre Geschäfte weitgehend über Drittländer ab, um nicht in den Statistiken aufzutauchen.

Realistisches Szenario

Berücksichtigt man nun diese wirtschaftlichen und politischen Effekte, ist ein Pakt zwischen den USA und Saudi-Arabien in Sachen Ölpreis also durchaus denkbar und sinnvoll. Öffentlich sagen das übrigens nur die Wenigsten. Man liest diese Hintergründe kaum in Analystenstudien oder Massenmedien. Die Gefahr, Ärger mit dem Arbeitgeber zu bekommen, oder aber gar öffentlich als Verschwörungstheoretiker hingestellt zu werden,  scheint viel zu groß. Dieses Totschlag-Argument erstickt bei solch brisanten Themen leider immer wieder rationale Diskussionen.

Fakt ist: Die Saudis festigen mit ihrer Ölpolitik das Bündnis mit den USA, dass ja aufgrund der Beteiligung von saudischen Staatsbürgern an den Anschlägen am 11. September 2001 gelitten hatte. Zum anderen schaffen sie sich aber auch viele Konkurrenten vom Hals. Neben der US-Frackingindustrie sind das auch jene, die zu hohen Kosten beispielsweise in der Nordsee produzieren. „Wir stehen kurz vor dem Kollaps. Beim derzeitigen Ölpreis ist es fast unmöglich, Geld zu verdienen“, wurde beispielsweise Robin Allan, Chef des britischen Branchenverbandes Brindex zitiert.

Fakt ist auch, dass die gesamte private Industrie die Investitionen massiv zurückfährt. Noch Ende 2014 gingen Analysten von einem Rückgang im Volumen von 40 bis 50 Mrd. US-Dollar aus. Inzwischen dürfte der Wert deutlich höher liegen. Und darin liegt schon jetzt die künftige Öl-Dividende der Saudis verborgen. Wenn sie ihre Strategie lange genug durchhalten, wird auf Jahre hinaus zu wenig Kapital in neue Förderprojekte fließen. Das dürfte mittelfristig für ein Ende des reichlichen Angebots sorgen, von dem die OPEC, aber auch die Internationale Energieagentur (IEA) stets sprachen. Der saudische Ölminister Ali Al-Naimi brachte es im Vorfeld der jüngsten OPEC-Sitzung in einem Nebensatz auf den Punkt. Der Markt werde Zeit brauchen, um das Überangebot abzuarbeiten und wieder ein neues Gleichgewicht zu finden. Es könnte vielleicht auch schneller gehen.

Erst mittelfristig steigende Ölpreise

Ölpreischart von 2010 bis 2015

Ölpreischart von 2010 bis 2015

Für den Ölpreis bedeutet das kurz- bis mittelfristig, dass man den aktuellen Handelskorridor wohl nicht verlässt. Bei Brent liegt dieser im Bereich von 50 bis 70 US-Dollar. Wir erwarten, dass

diese Spanne in den nächsten 12 bis 18 Monaten gültig bleibt. Zumal der Irak bereits seit dem Frühling in den Markt zurückkehrt. Verladedaten deuten darauf hin, dass im Juni eine Rekordmenge von 3,2 Mio. Barrel Rohöl pro Tag exportiert wurde.

Wohin läuft der Markt

Die privaten Spieler in der Ölbranche könnten sich also in einigen Jahren da befinden, wo die Gold- und Industriemetallförderer heute stehen – am Boden. Ölaktien sind für Anleger daher derzeit tabu. Die Unternehmen müssen ihre Kosten senken und hoffen, dass man auch irgendwann bei höheren Preisen noch am Markt ist. Für sehr langfristig orientierte Anleger sehen wir ein Investment in den Ölpreis per ETF als attraktiver an – trotz Währungsrisiken. Denn die großen Nachfragetrends bestehen weiter. BP hat sie im „Outlook 2035“ so beschrieben:

  • der Energieverbrauch soll bis 2035 um 37% steigen. Haupttreiber sind die Schwellenländer mit ihrem Industrie– und Bevölkerungswachstum sowie der zunehmenden Verstädterung und Motorisierung
  • Die USA werden um das Jahr 2021 herum unabhängig von Energieimporten sein.
  • Auf der Angebotsseite wird die Ölförderung mit dem akt. Tempo von 0,8% p.a. zulegen.
  • Die USA, Russland und Saudi-Arabien werden 2035 die größten Öl-Förderer am Markt sein. Der OPEC-Anteil an der Produktion soll sich stabil bei rund 40% einpendeln.

Für Anleger bedeutet das: der Ölpreis wird mittel- bis langfristig sicher steigen, denn eins sollte noch berücksichtigt werden. Die Top-Quellen mit sehr niedrigen Förderkosten neigen sich dem Ende entgegen. Das trifft private wie staatliche Ölkonzerne. Und das wird den Aufwand in die Höhe treiben. Höhere Produktionskosten in einem oligopolistischen Markt führen in der Regel zu einem neuen Marktgleichgewicht, sprich höheren Preisen. Nicht zuletzt sollten Anleger aber eins nicht aus dem Auge verlieren. Wenn eines der Förderschwergewichte wie Saudi-Arabien durch innere oder äußere Faktoren seine Stabilität verliert, kann der Ölpreis kurzfristig explodieren. Das Königreich war immer ein zuverlässiger Lieferant. Ein Ausfall wäre eine völlig neue Situation am Markt.

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Bild: C.A.T. Oil
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