Mittwoch , 30 November 2022

Bitcoin: Mitten in der Liquiditätskrise

Von den Allzeithochs hat sich der Kurs von Bitcoin verabschiedet. Und auch andere Kryptowährungen hat es zuletzt hart getroffen. Die Experten von Midas Touch Consulting analysieren daher in einem Gastbeitrag heute die aktuelle Lage bei den Kryptowährungen.

1.     Rückblick

Nachdem sich die Finanzmärkte bis Mitte August im Rahmen einer sommerlichen Bärenmarktrally noch euphorisch erholen konnten, kam es in den vergangenen sechs Wochen in fast allen Sektoren wieder zu starken Rücksetzern und neuen Tiefs. Dabei scheiterte auch der Bitcoin am 15.August mit 25.212 USD ziemlich genau an unserem 1.Erholungsziel (25.000 USD) und kam in der Folge deutlich und schnell um 26,4% bis auf 18.157 USD zurück.

Nach dem Ethereum-Merge ging es abwärts

Auch Ethereum konnte sich dem Verkaufsdruck nicht entziehen. Zwar konnte die zweitgrößte Kryptowährung im Vorfeld des langersehnten „The Merge“ Events zunächst deutlich zulegen und dabei auch den Bitcoin klar outperformen, letztlich sorgte die sich verschärfende Liquiditätskrise aber auch hier für wieder fallende Kurse. Trotzdem liegt das letzte Tief vom 21.September bei 1.220 USD immer noch klar über dem Tiefpunkt vom 18.Juni bei 881 USD. Fundamental betrachtet war der Ethereum Merge eines der größten Open-Source-Softwareprojekte und damit vermutlich die bedeutendste wissenschaftliche IT-Technologieleistung aller Zeiten. Dabei wurde auf der Ethereum-Blockchain der Konsensmechanismus von einem enorm energieaufwendigen „Proof-of-Work (PoW)“ zu einem fast energiefreien „Proof-of-Stake (PoS)“ umgestellt. Dies hat sowohl die Art und Weise wie ETH erzeugt wird, als auch die Art und Weise wie Transaktionen im Ethereum-Netzwerk validiert werden, für immer verändert. Die wichtigsten Versprechungen sind dabei massive Vorteile für die Umwelt. Laut einem Tweet von Ethereum-Erfinder Vitalik Buterin wird Merge den weltweiten Energieverbrauch um 0,2 % senken! Optimisten erwarten nun, dass deswegen nicht nur mehr institutionelle Investoren einsteigen könnten, sondern vor allem auch, dass viele gute Protokolle und Dapps auf dem ETH-Netzwerk aufbauen und dem ETH-Ökosystem dezentrale Sicherheit und echten Nutzen bieten werden.

Pessimisten hingegen führen an, dass der Merge keinerlei Auswirkungen auf die irrsinnig hohen Transaktionsgebühren (Gas) haben wird. Außerdem könnte die SEC (United States Securities and Exchange Commission) Ethereum schon in Kürze aufgrund des eingeführten Staking-Mechanismus als ein zu regulierendes Wertpapier betrachten. In diesem Fall wären 99% der US-Bevölkerung nicht mehr in der Lage, Ethereum legal an einer Börse zu handeln.

Mitten im Krypto-Winter spitzt sich die Lage also nicht nur liquiditäts- und charttechnisch weiter zu. Vielmehr hängen die drohende Regulierung (ETH) seitens der SEC sowie die näher rückenden Mt. Gox Entschädigungszahlungen (BTC) zusätzlich wie ein Damoklesschwert über den Preisen von Bitcoin und Ethereum.

2.     Chartanalyse: Bitcoin in US-Dollar

a.     Wochenchart: Klar definierter Abwärtstrendkanal

Graphik: Bitcoin in USD, Wochenchart vom 26.September 2022. Quelle: Tradingview

Innerhalb des klar definierten Abwärtstrendkanals sacken die Bitcoin-Kurse seit zehneinhalb Monaten immer weiter gen Süden. Alle Zwischenerholungen fielen flach aus und scheiterten schon an den kleinsten Widerständen. Sein oberes Bollinger Band (29.788 USD) konnte der Bitcoin auf dem Wochenchart seit dem Allzeithoch im November des letzten Jahres nie wieder erreichen. Noch können sich die Notierungen an der Unterstützungszone zwischen ca. 18.000 und 20.000 USD halten. Von hier aus gelang ab Mitte Juni eine Stabilisierung, die mittlerweile aber eher als dreimonatige Seitwärtsfolter bezeichnet werden muss. Ein Durchbruch nach unten scheint daher nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Die untere Begrenzung des übergeordneten Aufwärtstrendkanals notiert aktuell um 5.800 USD und stellt das nicht unrealistische „worst case Szenario“ für den Bitcoin dar.

Im größeren Bild hat der Bitcoin bislang etwas mehr als das 38,2%-Retracement der vorangegangenen Aufwärtsbewegung (von 3.125 bis auf 69.000 USD) zurückgegeben. Sollte die Unterstützung um 18.000 USD nicht halten, lägen die nächste Retracements bei 14.677 USD (50%) und 10.186 USD (61,8%). Auf Sicht der kommenden Wochen dürften sich die Kurse aber innerhalb der sich zusammenziehenden Bollinger Bändern zwischen grob gesagt 16.000 und 29.000 USD bewegen.

Insgesamt bleibt der Trend auf dem Wochenchart klar abwärtsgerichtet. Angesichts der überverkauften Lage müssen jedoch scharfe und ruckartige Erholungsbewegungen (short squeeze) mit eingeplant werden. Ein Ende des Crypto-Winters ist nicht in Sicht und der Bitcoin dürfte mittelfristig über Umwege bzw. Zwischenerholungen neue Tiefs sehen.

b.     Tageschart: Eklatante Schwäche

 

Graphik: Bitcoin in USD, Tageschart vom 26.September 2022. Quelle: Tradingview

Der Tageschart bildet die eklatante Schwäche des Bitcoins noch besser ab. Im Grunde genommen geht es seit Mitte November 2021 konstant bergab. Natürlich ist die Lage stark überverkauft, aber die Reaktion auf die gesamte Abwärtsbewegung reichte im Hochsommer gerade mal für eine Erholung bis zum 23,6%-Retracement um 25.000 USD. Noch schwächer geht es nicht mehr. Auch die 200-Tagelinie (28.636 USD) fällt schnell und stellt das „best case Szenario“ für einen immer möglichen Short Squeeze dar. Ganz kurzfristig dürften die Bitcoin-Kurse höchstwahrscheinlich noch unter Druck bleiben. Auf Sicht der nächsten zwei bis drei Monate sollte aber eine wie auch immer geformte Erholungsbewegung bzw. Jahresendrally gelingen, denn die Lage ist zu stark überverkauft.

Zusammengefasst ist der Tageschart bärisch. Die Kurse bewegen sich seit Tagen ohne große Aussagekraft seitwärts bzw. leicht gen Süden. Solange der US-Dollar stark bleibt, wird es der Bitcoin schwer haben. Sobald der US-Dollar aber durchatmet, wird der Krypto-Sektor eine Erholung starten.

 

3.     Sentiment Bitcoin: Extreme Angst ist Normalzustand geworden

Der Crypto Fear & Greed Index kommt weiterhin nicht wirklich auf die Beine. Schon seit Anfang des Jahres ist der Sentiment-Index von dunkelroten bis bestenfalls orangen Farben gekennzeichnet. D.h. Angst bzw. extreme Angst sind der Normalzustand im Krypto-Sektor geworden. Eine klare Bestätigung für den Krypto-Winter, in dem sich der Sektor nun bereits seit Mitte November 2021 befindet.

Graphik: Crypto Fear & Greed Index vom 25. September 2022. Quelle: Lookintobitcoin

Im ganz großen Bild liefert die ausgebombte Stimmung aber eine antizyklische Chance. Zumindest eine starke Gegen- bzw. Erholungsbewegung sollte daher ab Mitte oder Ende Oktober bis zu Jahresende gelingen. Insgesamt liefert das Sentiment weiterhin ein antizyklisches Kaufsignal.

4.     Saisonalität Bitcoin – Ab Mitte Oktober hellt sich das Muster deutlich auf

Graphik: Bitcoin Saisonalität vom 25. September 2022. Quelle: Seasonax

Das schlechte saisonale Muster hat sich in den letzten Wochen klar bestätigt. Allerdings steht nun ab Anfang bzw. Mitte Oktober statistisch betrachtet ein Trendwechsel an. Eine größere Erholungsbewegung könnte dem Krypto-Sektor daher zumindest einen etwas versöhnlichen Jahresausklang verschaffen. Bis dahin könnten aber noch ein bis vier schwierige Wochen anstehen, in denen die Märkte höchstwahrscheinlich weiter unter Druck bleiben sollten. Mit dem nächsten FED-Zinsentscheid am 2.November sowie den „midterm elections“ am 8.November stehen jedoch zwei Ereignisse an, die zumindest für eine vorübergehende Stabilisierung und eventuell auch den Beginn einer Jahresendrally sorgen könnten. Insgesamt mahnt die saisonale Komponente weiterhin zur Geduld. Ab Mitte Oktober hellt sich die Lage statistisch betrachtet deutlich auf und die Chancen für eine Erholung sind angesichts der ausgebombten Stimmung und der überverkauften Lage relativ hoch.

 5.     Vergleich: Bitcoin gegen Gold

Graphik: Bitcoin/Gold-Ratio, Wochenchart vom 25. September 2022. Quelle: Tradingview

Bei Kursen von derzeit knapp 19.000 USD für einen Bitcoin und rund 1.645 USD für eine Feinunze Gold muss man für einen Bitcoin fast 11,6 Unzen Gold bezahlen. Andersherum gesagt kostet eine Feinunze Gold aktuell ca. 0,086 Bitcoin. Damit hat sich das Bitcoin/Gold-Ratio in den letzten sechs Wochen seitwärts bewegt. Zwar gab es im Hochsommer einen vorübergehenden Anstieg zugunsten des Bitcoins, letztlich konsolidiert das Ratio aber schon seit dreieinhalb Monaten zwischen 9,5 und 13,5 den vorangegangenen Abverkauf. Angesichts der überverkauften Lage in Verbindung mit dem aktiven Stochastik-Kaufsignal auf dem Wochenchart stehen die Chancen für eine Erholung in den kommenden Wochen gar nicht so schlecht.

Der übergeordnete Trend zeigt aber gen Süden und das Bitcoin/Gold-Ratio hat bislang mustergültig das 38,2%- sowie das 50%-Retracement der vorherigen Aufwärtswelle abgearbeitet. Demnach stünde als nächstes das 61,8%-Retracement (7,13) an. Ratio-Werte unterhalb von 9,6 würden dieses nächste Korrekturziele auf der Unterseite aktivieren. Solange die Märkte im Griff der Bären bleiben, dürfte sich der Goldpreis besser als der Bitcoin-Preis halten. Grundsätzlich sollte man sowohl in Edelmetallen als auch in Bitcoins investiert sein. D.h. mindestens 10% und maximal 25% seines Gesamtvermögens sollte man in physische Edelmetalle anlegen, während man in Kryptos und vor allem im Bitcoin zunächst wenigstens 1%, maximal jedoch 5% halten sollte. Wer mit den Kryptowährungen und Bitcoin genügend Erfahrung gesammelt sowie das langfristige Potenzial erkannt hat und gleichzeitig die extrem hohe Volatilität verkraftet, kann individuell sicherlich auch wesentlich höhere Prozentzahlen in Bitcoin & Co. allokieren. Für den normalen Anleger, der natürlich vor allem in Aktien, Immobilien und idealerweise auch in physischen Edelmetallen investiert ist, sind maximal 5% im immer noch sehr spekulativen und vor allem hochvolatilen Bitcoin ein erster sinnvoller Richtwert.

Zusammengefasst befindet sich das Bitcoin/Gold-Ratio in einem klaren Abwärtstrend. Eine vorübergehende Erholung bzw. Gegenbewegung wird langsam aber sicher wahrscheinlicher. Trotzdem kann das Ratio zunächst auch nochmal eine Etage tiefer fallen. Technisch betrachtet bewegt sich das Ratio derzeit aussagelos bzw. konsolidierend seitwärts.  

 

6.     Makro-Update – Liquiditätskrise spitzt sich weiter zu

Graphik: 10-jährige US-Staatsanleihen, Monatschart vom 25. September 2022. Quelle: Tradingview

Der Stress an den Finanzmärkten nimmt seit Monaten konstant zu. Haupttreiber sind die Anleihenmärkte. Hier hat sich die nominale Rendite für 10-jährige US-Staatsanleihen innerhalb von nur zweieinhalb Jahren von 0,33% auf 3,83% mehr als verzehnfacht!

Konsequenterweise sind die 10-jährigen US-Realzinsen mit 1,31 % auf den höchsten Stand seit 2011 gestiegen.

Graphik: Globaler Anleihenmarkt, Stand 25. September 2022. ©Holger Zschaepitz

Damit ist der vierzigjährige Bullenmarkt bzw. die Blase an den weltweiten Anleihenmärkten vorbei und geplatzt. Seit dem Allzeithoch von Mitte 2021 beträgt der Gesamtverlust ca. 12,2 Mrd. USD. Das führt zunehmend zu einer Liquiditätsverknappung des US-Dollars.

Im ganz großen Bild wertet der US-Dollar gegen fast alle anderen Fiat-Währungen bereits seit 2008 auf. Damals notierte der Euro gegen den US-Dollar in der Spitze um 1,60 USD. Aktuell liegt die Währung der Eurozone nur noch bei 0,964 USD. Ein Verlust von fast 40% in etwas mehr als 14 Jahren.

Die Auswirkungen der Dollar-Liquiditätskrise auf die Aktien-, Rohstoff-, Immobilien- und Kryptomärkte sind dramatisch. Es ist ein Bärenmarkt in allem. Und trotz der zutiefst pessimistischen Stimmung sowie der klar überverkauften Lage gibt es weder fundamentale noch technische Trendwendesignale. Der finale Boden ist daher weit und breit nicht in Sicht. Im Gegenteil, in den letzten beiden Krisen (Internetblase 2000 und Finanzkrise 2008) hatten die Zentralbanker den Zinserhöhungszyklus schon beendet, bevor die Aktienmärkte ihren Höchststand erreichten.

Jetzt haben die nicht demokratisch gewählten Notenbanker gerade erst damit begonnen (EZB) oder setzen die Zinserhöhungen fort (FED), während die Märkte schon vor 10 Monaten ihren Höchststand erreicht haben. Da die Zentralbanker also zum ersten Mal in der Geschichte mitten in der Baisse die Zinsen weiter anheben, werden die Märkte wahrscheinlich sehr viel tiefer fallen, als sich das die meisten vorstellen können. Die durch Mangelwirtschaft (Lockdown) und eine 50-jährige Gelddruckorgie (Ende des Goldstandards 1971) verursachte hohe Inflation will man nun mit dem Vorschlaghammer in den Griff bekommen. Die Gefahr, dass dabei etwas kaputt geht (Realwirtschaft) ist sehr hoch und wir müssen davon ausgehen, dass die Fed aktuell einen der größten politischen Fehler in ihrer 110-jährigen Geschichte begeht, welcher zu einer schweren Rezession bzw. eventuell sogar zu einer jahrelangen Depression führen könnte.

Gleichzeitig werden die Verbraucher völlig ausgepresst, denn die Hypothekenzinsen sind auf den höchsten Stand seit 2008 gestiegen, während die Inflation klar das Lohnwachstum übersteigt, die Sparraten historische Tiefststände erreicht haben, sich die Arbeitsmärkte zunehmend verschlechtern und insgesamt eine mehr als gedrückte Verbraucherstimmung vorherrscht.

Im besten Fall können sich die Märkte ab Mitte bzw. Ende Oktober stabilisieren und im November oder Dezember dann zumindest eine Jahresendrally auf den Weg bringen. Dabei dürften dann alles steigen, während der überkaufte US-Dollar korrigiert. Dennoch bleibt eine hohe Liquiditätsquote in US-Dollar und Schweizer Franken das Gebot, denn solange die Notenbanken keine Kursänderung vollziehen, bleibt Cash=King. Sektoren mit geringem Handelsvolumen (wie z.B. Smallcaps, Altcoins, Junior & Exploration Mining Stocks) sind unbedingt zu meiden. Physische Edelmetalle sollten in die niedrigen Kurse hinein jedoch schrittweise weiter akkumuliert werden. Auch der Bitcoin wird von einer Erholung ab Mitte oder Ende Oktober profitieren. Der Crypto-Winter ist damit aber nicht vorbei. 

7.     Fazit: Bitcoin – Mitten in der Liquiditätskrise

Wenn wie aktuell die Liquidität des US-Dollars versiegt, werden auch die Märkte, die Volkswirtschaften und die Lebensstile austrocknen. Schließlich sind alle Marktkrisen im Grunde genommen nur Liquiditätskrisen. Darauf zu hoffen, dass die Märkte unmittelbar vor einer V-förmigen Trendwende stünden, erscheint in diesem Kontext nicht nur naiv, sondern fahrlässig. Möglich ist natürlich immer alles, aber selbst wenn die Notenbanker morgen das Steuer herumreißen würden, dauert es für gewöhnlich Monate, bis sich eine derartige Trendwende auch in den Märkten nachhaltig manifestieren würde.

Momentan stürmt der US-Dollar jedoch noch fast täglich auf ein neues Hoch. Solange das so bleibt, geht die Liquiditätskrise weiter und alle Assetklassen bleiben unter Druck. Für den Bitcoin geht es dabei um die Unterstützung im Bereich um 18.000 USD. Sollten sich die Bären durchsetzen können sind mittelfristig Kurse um 14.000 USD und 10.000 USD sowie eventuell sogar 6.000 USD möglich. Wir vermuten aber, dass es zuvor ab Mitte oder Ende Oktober zu einer scharfen Erholung kommen wird, die den finalen Ausverkauf zeitlich nach hinten und damit ins nächste Jahr verschieben wird.

Autor: Florian Grummes
Edelmetall- und Krypto-Experte
www.midastouch-consulting.com

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