Sonntag , 27 Oktober 2019
Editorial vom 28.05.2014

Editorial vom 28.05.2014

Liebe Leser!

Sie haben bestimmt auch einen Kollegen, der sich an seinem Geburtstag einen Urlaubstag nimmt. Dieser „Trend“, der sich in den vergangenen Jahren eingebürgert hat, ist ein Zeichen von Selbstbeweihräucherung. Dabei ist doch klar, dass der Termin oder die Zahl des Alters an sich Schall und Rauch sind. Sechs Wochen früher sah man nicht unbedingt besser aus, sechs Wochen später vielleicht auch nicht. An der Börse ist es genauso: der DAX hat sich der 10.000 Punkte-Marke angenähert. Die Massenmedien machen daraus eine große Geschichte. Dabei ist es egal, ob der Index diese runde Marke übersteigt oder nicht. Es hat im Prinzip keine Bedeutung, sowie der Tag ihres Geburtstags. Selbst der vielgepriesene psychologische Effekt wird völlig überschätzt. Das wird beim Blick auf das eigene Depot deutlich. Wenn der DAX heute oder morgen die Marke knackt, ihre Aktien aber nicht steigen, haben sie gar nichts davon. Unsere Wahrnehmung wird durch runde Zahlen verzerrt. Der DAX ist und bleibt nicht mehr als ein grober Parameter für die Entwicklung der größten deutschen Börsentitel. Zumal wir und viele andere ihm absprechen, dass er die deutsche Wirtschaft angemessen repräsentiert. Dafür eignen sich breiter gefasste Indizes wie der F.A.Z. Index besser. Dieser umfasst nicht nur die 30 nach Marktkapitalisierung größten Werte, sondern gleich 100. Ähnlich ist die Lage übrigens auch in Übersee. Der Dow Jones hat noch nie die US-Wirtschaft vernünftig abgebildet, zumal etliche Börsenschwergewichte an der Nasdaq gelistet sind. Da lohnt sich die Analyse des S&P 500 doch eher.

Es kommt auf die Wirtschaft an

Entscheidender ist ohnehin, was diesen und andere Indizes in den vergangenen Tagen angetrieben hat. Und das war vor allem die Europawahl. Hier lohnt es sich ebenfalls, ein wenig genauer hinzusehen als Massenblätter, die von einem „braunen“ Frankreich sprechen und generell die Zugewinne europakritischer Parteien auf dem ganzen Kontinent hervorheben. Das ist nichts Neues. Europakritiker waren schon immer im Europaparlament vertreten. Im Großen und Ganzen hängen ihre Erfolge von der wirtschaftlichen Situation ab. Derzeit geht es vielen EU-Bürger wirtschaftlich nicht gut. Das gilt für Südeuropa, aber auch bei uns. Der Mittelschicht droht ständig der Absturz in den Niedriglohnsektor oder gar in die Arbeitslosigkeit. Das spüren Sie und drücken ihren Protest aus. Das haben viele Politiker nicht verstanden. Am Ende halten wir es da mit Bill Clinton. Der wurde auch deshalb gewählt, weil er sich auf die Schaffung von Jobs konzentrierte – zumindest im Wahlkampf. „It’s the economy, stupid“ war Clintons Slogan, der ihm einst ins Amt verholfen hat. Diese Wahrheit gilt auch für Europa und seine Wähler.

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Bild: Martin Kolb / pixelio.de
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